Die EM in Colchester: High costs, low budget

24.8.2012 | Ewald Tkocz. ++ Mit dem heutigen Beitrag schließt der Autor seine Berichterstattung von der EM in Colchester ab. In diesem Artikel beschäftigt er sich mit den Schattenseiten der Veranstaltung und zieht eine persönlich gefärbte Bilanz. ++

Wer bereits am Sonntag auf der Insel ankam, konnte noch die Wellen der Begeisterung und Euphorie in den Medien und bei den Briten über die Olympischen Spiele hautnah erleben. Auch wenn ich nur nach dem Weg fragte, erhielt ich den Stolz der Insulaner über ihre sportlichen Erfolge und die brillanten Spiele von London als kostenlose Zugabe. In vielen Vorgärten flatterte die britische Flagge, der Union Jack, auf cloud number nine.

Sind das die Provinzmeisterschaften von East Anglia?

Nach dem ersten Training auf dem EM-Kurs am Montag war ich dagegen ernüchtert. Die Anmeldung fanden wir nur, weil der französische Team-Kapitän davor stand. Bob Mohl war bereits auf 180. „Man hat mir gesagt, ich solle den Zeichen folgen“, polterte er, „aber es gibt keine Zeichen.“ In der Tat. Keine Hinweisschilder auf den Parkplätzen, keine Fahnen, auf dem gesamten Campus der Universität kein einziges Plakat, das für die EM warb.

Der Kurs zwei Tage vor dem ersten Abwurf nicht fertig präpariert. Die Körbe? Gefühlte 30 Jahre alt. Als wären sie von einer Handvoll Metallbau-Lehrlingen in der Gründerzeit der britischen Discgolf-Bewegung zusammengeschraubt worden. Einige verbogen und verbeult. PDGA approved? Wohl kaum. Die Abwürfe. Nicht gekennzeichnet. Sucht mal grüne Abwurf-Matten in einem riesigen Park … Der finnische Delegierte sollte später beim Treffen mit PDGA-Direktor Bill Graham äußern, dass man ihm in seiner Heimat solche Körbe und Abwürfe um die Ohren schlagen würde.

Es war jener Tag, an dem mein Lästermaul die EM umtaufte. Das ist die Provinzmeisterschaft von East Anglia, sagte ich mir. Kein Grund, vor der EM-Premiere nervös zu sein. Das hätte bei uns in Deutschland bestenfalls B-Turnier-Charakter.

Ein Kurs-Layout mit Scheibenverlust-Garantie

Das Kurs-Layout sorgte unter den Spielern ebenfalls für Diskussionsstoff. „Ich verstehe nicht, dass man Spieler zwingt, ihre Scheiben wegzuwerfen“, schüttelte Frank Hellstern über Bahn sechs den Kopf. Der Abwurf führte etwa 70 Meter über einen See. Doch das jenseitige Ufer war mit hohen Bäumen und Gebüsch dicht bewachsen und bot nur zwei relativ schmale Schneisen. Man hätte mit Netzen oder zumindest geeignetem „Angelgerät“ den Verlust von Scheiben weitgehend verhindern können. Aber das war möglicherweise gar nicht gewünscht. Allein mein Sohn verlor an Bahn 12, die ebenfalls am Seeufer entlang führte, zwei Scheiben, die er im Scheibenshop teuer ersetzen musste.

Es wurde besser. Am Mittwoch flatterten einige Banner vor der Ivor Crewe Lecture Hall, dem EM-Zentrum. Die Eröffnung mit den fast 200 Spielern gestaltete Turnierdirektor Charlie Mead in einem großen Hörsaal der Uni mit einer Power Point-Präsentation. Durchaus beeindruckend. Toll, die 15 Teams in ihren bunten Trikots zu sehen und zu begrüßen. Vor allem die 30 Schweden und Schwedinnen in ihrem leuchtend blauen Dress machten gewaltig was her.

Discgolf: Eine verdammt gefährliche Angelegenheit in Colchester

Ich lernte beim Playersmeeting, wie gefährlich Discgolf sein könne. Schlangen, Kaninchen-Löcher, Disteln, ein striktes Verbot, aufs Dach des Ivor Crewe-Gebäudes an Bahn eins zu klettern, um seine Scheiben herunter zu holen. Die Androhung, des Uni-Geländes verwiesen zu werden, wenn man den See betrete – über den die Bahn sechs führte –, um seine Scheiben heraus zu fischen. Man laufe Gefahr, sich mit einem von Wasserratten übertragenen bakteriellen Erreger zu infizieren, der die Weilsche Krankheit auslösen könne. Ach ja, und da war dann noch der Student, der an der windanfälligen Bahn 15 von der Scheibe eines unbekannten Disc Golfers am Kopf getroffen worden war.

Zu meiner Überraschung klappte am ersten Wettkampftag alles mit dem pünktlichen Golf-Start. Doch bei dem zunehmend stürmischen Wind liefen an den langen, unübersichtlichen Bahnen bis zu drei Flights auf. Der Kurs fraß wie ein hungriges Monster dutzendweise Scheiben. Die einen landeten an Bahn eins auf dem Dach (am Ende ist dann doch jemand hoch gekraxelt und hat sie abgepflückt…), versanken an Bahn 6 oder 12 auf Nimmerwiedersehen im See oder segelten an Bahn 15 über die Straße in übelstes von Brombeeren und anderem Stachelzeug durchwachsenes Gestrüpp.

Ehrgeizige Ziele wurden weit verfehlt

Die Veranstalter hatten sich beim Playersmeeting ehrgeizige Ziele gesetzt. Bis 19.30 Uhr wollten sie an jedem Turniertag die Ergebnisse online haben. Doch bereits am ersten Tag war zu diesem Zeitpunkt der letzte Flight noch nicht wieder vom Kurs zurück.

Wer am Abend das Livescoring der Spitzenspieler abrufen wollte, fand am späten Abend nur die Ergebnisse bis Bahn 12 vor. Häufig erst gegen 22.30 Uhr hingen die Listen mit den Startzeiten im EM-Zentrum aus. Am Mittwoch Abend vergaß man einfach, die Startzeiten ins Netz zu stellen. So machte ich mich am Donnerstagmorgen um 7 Uhr auf den Weg von St. Osyth ins 13 Kilometer entfernte Colchester, um vor Ort die Startzeiten für Max und mich abzufragen.

Bis heute fehlt auf der Website der Veranstalter das Endergebnis des Nationencups. Auch wer wissen will, wie der Weitwurf- und Putt-Wettbewerb sowie das Doubles am Sonntag ausgegangen ist, wird auf der Seite nicht fündig werden. Niemanden wird es deshalb erstaunen, dass es für Simon Lizottes Sieg beim Weitwurf-Wettbewerb keinen Preis gab. Die Veranstalter waren in jeglicher Hinsicht sparsam. Die Engländer haben viel angefangen und vieles nicht zu Ende gebracht.

Der Ärger am Schlusstag: Keine Zuschauer und wenig Geld

Am Schlusstag gab es kaum noch Spotter. Charlie Mead stellte sich selbst an Bahn eins hin. Doch das Spotten übernahmen nun die Gruppen weitgehend selbst. Ein Umstand, der den Spielfluss nicht gerade beförderte. Das Finale in den sechs Divisionen lief dann unter Ausschluß der Öffentlichkeit ab. Kein einziger Zuschauer begleitete die Flights. „In Pas-de-Calais waren 300 Leute beim Junioren-Finale“, wunderte sich Sven Rippel. Zwei Dutzend Discgolfer und Begleiter liefen mit den vier besten Open-Spielern mit. Als sich an Bahn 13 abzeichnete, dass es etwa eine halbe Stunde dauern würde, bis Simon, Karl Johan und die anderen abwerfen konnten, weil vier Flights aufgelaufen waren, wurde es auch mir zu bunt. Ich ging Kaffee trinken.

Den Knalleffekt gab es aber nach der vierten Runde. „Es gibt Geld, Kinder, aber freut euch nicht zu früh“, sagte der Schweizer Martin Jenny, als er seinen Briefumschlag geöffnet hatte. Lediglich 30 Prozent der geschätzten 22 000 Englischen Pfund Startgelder, so schätzte Paul Francz, seien an Prämien an die Spieler ausgeschüttet worden. Und das, so der Schweizer, sei „an der untersten Grenze dessen, was man erwarten könne“. Bei EuroTour-Turnieren würden bis zu 80 Prozent der Startgelder an die Spieler zurückfließen.

Charlie Meads Frau schwante schon vorher, dass einige Spieler „grumpy“ sein würden. Während bei den Masters um den Sieg zwischen den wurfgleichen Stephan Müller und Peter Bygde gestochen wurde, erhielt bei den Grandmastern der Schwede Peter Wikström die Bronzemedaille, weil er in der Schlussrunde einen Wurf besser gewesen war als Paul Francz. Auch Francz war also grumpy.

Wenigstens war uns das Wetter hold. Von zwei Schauern am Mittwoch abgesehen, hatten wir wirklich eine Woche lang sehr gute Bedingungen. Dass es in Küstennähe viel Wind geben würde, darauf musste man vorbereitet sein. Sehr bereichernd und angenehm waren die vielen Begegnungen mit Spielern aus anderen Ländern und, natürlich, die vielen Stunden mit den eigenen Team-Kollegen. Das wird letzten Endes in der Erinnerung bleiben.

Fazit

Die Spieler mussten für diese Europameisterschaft tief in die Tasche greifen: teure Anreise, satte Startgelder – wer nicht auf dem Campus wohnte, durfte noch 50 Pfund drauflegen – , 50 Englische Pfund pro Übernachtung in Studentenbuden, das befürchtet schlechte, viel zu fette Essen. Jede Dienstleistung, jede Scheibe musste teuer bezahlt werden. High costs. Auf der anderen Seite entstand der Eindruck, dass an jeder Ecke gespart wurde: Low budget. Am Preisgeld, am Kurs, an der Verpflegung und an der Werbung.

Kein Plakat wies auf die Veranstaltung hin. Berichte in den örtlichen Zeitungen: Fehlanzeige. Die Studenten auf dem Campus: ahnungslos. Am Finaltag kein einziger Zuschauer außerhalb der Discgolf-Szene. Keine Pressevertreter. Bei der Eröffnung keine Vertreter von Stadt oder Universität. Der Staff. Sehr freundlich, sehr bemüht, aber unterbesetzt und überfordert. Es gab zu wenig Häuptlinge – die Turnierdirektor Charlie Mead möglicherweise neben sich auch nicht geduldet hätte – und noch weniger Indianer, sprich freiwillige Helfer.

Ein 18-Bahnen-Kurs ist schlicht und ergreifend zu wenig, um einer Veranstaltung dieser Dimension gerecht zu werden. PDGA-Direktor Bill Graham bescheinigte den Veranstaltern „brilliant hosts“ gewesen zu sein. Das kann ich bestätigen. Wer ein Problem hatte und das Glück, Charlie Mead gerade anzutreffen, dem wurde meist geholfen. Doch für eine wirklich gute EM fehlte die Balance. High costs, low budget. Und eines darf sich auf keinen Fall wiederholen: dass die Spieler buchstäblich bis zum letzten Tag im Unklaren darüber gelassen werden, wie hoch die Ausschüttung der Prämien ist. Eine Siegesprämie von 450 Pfund für den Sieger der Open-Kategorie ist ganz einfach lächerlich.

Das Modell Colchester ist ein Auslaufmodell. Und ich kann nur hoffen, dass für 2014 die Bewerbung von Paul Francz und Genf den Zuschlag erhält.Aufgrund der Erfahrung bei den EuroTour-Turnieren dort könnte man sicher sein, dass diese EM in allen Bereichen auf professionellem Niveau ablaufen würde.

Foto: PDGA

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