Sven Rippel vor dem Monat der Entscheidungen

3.9.2012 | Ewald Tkocz. „Er ist noch im Loch“, sagte Josef, als ich am Sonntagabend versuchte, seinen Sohn telefonisch zu erreichen. Loch? Ich stand auf der Leitung. Hat Sven Schulfrust? Liebeskummer? Schlechte Laune? Eine kleine Formkrise? Endlich dockten meine Neuronen an der richtigen Synapse an. Mein Gott, natürlich! Das Loch! Das Horstmarer Loch: eine durch den Bergbau verursachte Senke im Seepark, die Brutstätte Lünener Disc Golf-Talente. Und durch seine grasbewachsenen Terrassen hat der 2007 von Ex-Weltmeister Hartmut Wahrmann installierte Kurs den Charakter eines Discgolf-Amphitheaters. Wunderschön.

Und der Junge trainiert schon wieder? Er hätte ja die Füße hoch legen können nach seinem grandiosen Triumph bei der Europameisterschaft vor zwei Wochen. „Wozu trainierst du?“, frotzele ich, als ich den 17-jährigen schließlich an der Strippe habe, „du gewinnst doch die Seepark Open am Wochenende mit links.“ Da lacht er und widerspricht nicht. „Ich will eine tolle Show bieten“, antwortet er. So ist er.

Sven Rippels Mammutprogramm: Vier Turniere in drei Wochen

Die Seepark Big Open. Sven Rippels lockerer Aufgalopp zu einem Mammutprogramm mit vier Zweitages-Turnieren in drei Wochen: Lünen, Grebenstein, Eberswalde, Kellenhusen. Oder in GermanTour-Kürzeln: B-B-DM-A. Der sympathische Bursche aus Bergkamen macht sich wegen der großen Belastung keine Gedanken: „Ich habe drei Tage vor der Europameisterschaft noch das B-Turnier in Potsdam gespielt. Ich pack‘ das schon.“

Showdown mit Dominik Stampfer in Grebenstein

Den Titel des Junioren-Europameisters hat er schon in der Tasche. Sven: „Ich hätte mir vor der Saison nie erträumt, ein Kandidat für den Gewinn der GermanTour zu sein.“ Jetzt ist er einer. Und es sieht so aus, als könne ihm nur noch Dominik Stampfer in die Suppe spucken. Der Heidenheimer hat durch seinen Sieg beim Albuch Classic in Söhnstetten bereits die Maximalpunktzahl bei A-Turnieren (200) auf seinem Konto. Die will sich Sven zwei Tage nach seinem 18. Geburtstag beim A-Turnier in Kellenhusen auf den Gabentisch legen. Bei C-Turnieren haben beide Jungstars bereits das optimale Ergebnis erzielt (120 Punkte). So könnten die B-Turniere den Unterschied ausmachen. In Grebenstein – wo mit Christian Plaue (?), Michael Stelzer und Tobias Behrens auch noch andere Spitzenspieler ihre Chance suchen werden – kommt es zum Showdown zwischen Sven und Dominik. Doch Sven bleibt angesichts des bevorstehenden Duells entspannt: „Ich habe bei den Münsterland Open in Beckum Ende Oktober noch einen weiteren Matchball.“

Die Qualitäten eines Junior-Champions

Diese Coolness ist eine seiner herausragenden Qualitäten. Wie charakterisiert er selbst seine Stärken? „Ich bin sehr ruhig und spiele konstant, mache wenig Fehler. Im Laufe der Saison bin ich immer stabiler geworden.“ Saisonhöhepunkt war zweifelsohne die EM in Colchester, bei der Sven mit einem durchschnittlichen Runden-Rating von 1021 (!) sogar Platz sechs in der Open-Kategorie belegt hätte. Sven: „Ein solches Turnier hatte ich noch nie. Vor allem am Schlusstag, als ich mit einer 56 (zehn Würfe unter Par) die beste Runde des Tages gespielt habe, habe ich mein Spiel durchgezogen und meinen Konkurrenten Kaj Larsson gezwungen, Fehler zu machen.“

Drei Tage vor der Europameisterschaft den Putt-Stil umgestellt

Kaum zu glauben, dass er drei Tage vor der EM seinen Putt-Stil umstellte. Als es beim B-Turnier in Potsdam mit dem Putten überhaupt nicht lief, holte er sich Rat. „Es war offensichtlich, dass er einen Tipp brauchte“, erzählt Frank Neitzel. Und Alessa Schwarz stellte die richtige Frage: „Warum versuchst du es nicht mit dem Straddle Putt?“ „Seither klappt es“, strahlt Sven Rippel, „denn der Putt ist bei mir entscheidend. Drives und Annäherungen habe ich verinnerlicht.“ In EM-Form ist der (noch) 17-jährige sogar ein ernsthafter Anwärter auf einen Platz im Open-Finale der Deutschen Meisterschaft in Eberswalde.

Das Märchen von einer Profi-Karriere in den USA: Forget it!

Fehlt uns noch der „Rausschmeißer“ in der Story. Ach ja, das Märchen vom armen, talentierten Jungen, der in die große, weite Welt zieht und eine erfolgreiche Profi-Karriere in Amerika startet. Journalisten wie Heino Baues in seinem Artikel für die WAZ vom 22. August lieben diesen Stoff. Und drehen und wenden die Worte eines 17-jährigen, bis er in ihr Klischee passt. Aber da hätte Josef seinem Sven besser eine Tennis- oder Golf-Ausrüstung gekauft. Und ihn nicht zum Spielen ins Loch gelassen.

Bild: Werner Szybalski/discgolfen.de

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