WM 2012: Das größte Playersmeeting aller Zeiten

7.8.2012 | Oliver Schacht. Es ist nur eine Frage der zeit, wann sich ein bestimmter Gedanke im Kopf jedes Discgolfers (auf Lebenszeit) breit macht. In seiner Entwicklung ist er mit der eines Tinnitus vergleichbar. Jener Gedanke ist anfangs sehr klein, leise und sporadisch, wird mit den Jahren häufiger, merklich wahrnehmbarer und reizbarer, in der Endphase wird er aufdringlich, laut und ist nicht mehr abstellbar. Dieser Gedanke läßt sich sogar auf ein Wort reduzieren: „Weltmeisterschaftsteilnahme“.

Vor ca. vier oder fünf Jahren wurde mir klar, dass die Meßlatte für eine EM-Teilnahme stets zu hoch für mich liegen würde, jedoch – völlig paradox – jene für die Teilnahme an einer WM für JEDEN Nicht-US-Spieler unglaublich niedrig liegt. Mit dieser erfrischenden Erkenntnis keimte eben dieser Gedanke auf, zumindest einmal in meinem Leben bei einer WM dabei sein zu wollen. Es bedurfte nur eines abgeschlossenen EuroTour-Turniers, um – selbst mit minimal erworbener Punktzahl – auf der Liste der Eingeladenen zu stehen.

Bis es dieses Jahr wahr werden sollte, ging jedoch wegen verschiedener Umstände und Hindernisse der Wunschtraum in den Jahren zuvor nicht Erfüllung. Und selbst in diesem Jahr schien es – nach vollzogener Anmeldung im April – im Verlauf des Frühjahrs so, dass unerwartete Umstände, berufliche Aspekte und organisatorische Schwierigkeiten erneut das lang gehegte Vorhaben zu nichte machen würde. Dabei wäre mir die Teilnahme an einer historisch einmaligen Ansammlung von Discgolfern an einem WM-Ort entgangen. Denn niemals zuvor kamen unglaubliche 1154 Spieler und Spielerinnen an einem Ort zusammen, um die Amateur-Weltmeister in 16 und die Profi-Weltmeister in 9 Divisionen zu ermitteln und zu küren.

Ausschließlich wegen der WM in die USA zu reisen, gefiel mir mit herannahender Zeit (14.7. bis 21.7.) immer weniger. Der Wunsch, mehr vom Land und seinen Leuten zu erleben, wurde immer größer. Es sollte mehr Zeit (max. 3 Wochen) vor oder nach der Wm-Teilnahme her. Ein Blick in den PDGA-Event-Kalender half dabei eine (grobe) Reiseroute und die Reisedauer festzulegen.

Der Kalender bot zwei größere Turniere zur Vorbereitung an und zum Ausklang der Reise ein kleineres. Somit erwwiesen sich zwei A-Turniere in Ohio und Kentucky als Zwischenstationen einer Rundreise, die in Washington D.C. anfing und mich nach Ende der WM durch Virginia zu einem C-Turnier führen sollte, um einen Tag später ab Washington D.C. wieder nach Deutschland zu fliegen. Soweit der attraktiv klingende Plan! Quasi auf den letzten Drücker wurde ein Flug und ein Auto gebucht und los ging es am 29.Juni über Paris im A380 nach Washington D.C.

Dieser mehrteilige Bericht soll über das Players Meeting und meine Sicht der Amateur-WM berichten.
Der erste Teil beschränkt sich zur Einstimmung auf das einzige Players Meeting der WM, das in einem „Raum“ des Host-Hotels „The Blake“ in Charlotte am 16.7. stattfand.

Über ein Players Meeting zu berichten, ist eigentlich nicht üblich. Denn was gibt es schon zu berichten? Willkommensgruß des TD, Bekanntgabe des Zeitplans, besondere Spiel- und Verhaltensregeln, Besonderheiten, Bekanntgabe der Flights und der Abwurfzeit.

Das Players Meeting der ersten dualen WM in Charlotte folgte einer ganz eigenen US-Regie. Es ging gar nicht um technische oder organisatorische Einzelheiten der vierzehn zu bespielenden Kurse. Dazu hätte ein voller Abend nie ausgereicht. Die geplante Dauer von nur 90 Minuten deutete bereits darauf hin.

Zunächst beeindruckte die Lokalität. Der eine „Raum“ bestand vielmehr aus drei angrenzenden einzelnen großen Tagungsräumen, deren Raumteiler eingefahren waren. Auf einer Fläche mit einer geschätzten Länge von 70 Metern und 30 Metern Breite gab es zwei große Sitzbereiche, dicht an dicht mit Stühlen besetzt.
Die großflächigen Flaggen aller teilnehmenden Nationen hingen hinter der Front des Rednerpodiums, während die Seiten- und die Rückwand mit den Flaggen aller US-Staaten geschmückt waren.

Wer früh eintraf, hatte einen Platz und die Überzeugung, dass für jeden Teilnehmer und seine Mitgereisten ebenfalls genug Sitzplätze zur Verfügung stünden. Eine Fehleinschätzung, wie sich zu Beginn der Veranstaltung herausstellte. Ziemlich viele Teilnehmer (ca. 79-90) mußten sich mit einem Stehplatz an den Rändern begnügen. Bis es wirklich beginnen konnte, mußte der Vorredner ganze 15 bis 20 Minuten alle um Ruhe bitten. Viele Anwesende waren – ohne die Bitte zu bemerken – noch in Privatgespräche mit ihren Nachbarn vertieft. Der davon ausgehende Schallteppich erinnerte mich an ein hundertfach verstärktes Gesumme aus einem Bienenstock.

Schließlich konnten wir herzlich begrüßt werden. Nach einer zusammenfassenden Darstellung der rekordsetzenden Fakten (14 Kurse, 1125 Spieler als größte Ansammlung von Disc Golfern, 25 Wettbewerbsdivisionen, zeitgleiche Umsetzung von Amateur- und Pro-WM) wurden die beiden maßgeblich beteiligten Organisationen, der Charlotte Disc Golf Club und die Bezirksparkverwaltung Mecklenburg County Parks & Recreation, als auch die beitragenden Sponsoren ausführlich gewürdigt.

Es wurde vier Jahre lang intensive Arbeit geleistet, der Bau von 7 zusätzlichen Kurse wurde genehmigt und in harter Arbeit installiert. Bestehende Kurse wurden von hinderlichen oder schädlichen Gewächsen und Unrat beseitigt, Bahnen optimiert bzw. um zusätzliche WM-Tee-Pads ergänzt. Das alles als auch die Kooperation mit namhaften Sponsoren, besonders das rote Kreuz, wurden lobend hervorgehoben. Auch die Arbeit von discgolfplanet.tv als online-Berichterstatter wurde in Form einer etwas werblich gefärbten Ansprache von John Duesler (Leiter discgolfplanet.tv) gewürdigt.

Ein herausragender Teil des „Players Meeting“ war gekommen als allen anwesenden Spielern und Spielerinen aus 13 Nationen für ihre Anreise und Teilnahme gedankt wurde. Es folgte der Einzug der Flaggen aller teilnehmenden Nationen, getragen von jeweils einem/einer Nationenvertreter/-in zur passend eingespielter Nationalhymne. Jedem Flaggenträger war die Freude und der Stolz über diese Ehre im Gesicht leicht abzulesen. Für Deutschland erfüllte Martin Kunz diese Aufgabe hervorragend und sichtlich beglückt.
Beim Aufruf von Frankreich gab es einen falsch koordinierten Aufmarsch des südkoreanischen Flaggenträgers, daraufhin rasch gefolgt vom französischen Träger Sylvain Gouge. Nun ja, hier wurde nichts geprobt oder aufgezeichnet, live ist halt immer und überall …

Zum Schluß folgte schließlich die stolze US-amerikanische Vertreterin und amtierende Weltmeisterin Paige Pierce. Als auch Paige in der Reihe der Flaggenträger vorne ihre Position bezog, wurden alle Anwesenden gebeten sich zu erheben, um dem Gesang der amerikanischen Nationalhymne zu lauschen. Es sollte jedoch nicht eine Bandkonserve abgespielt werden, sondern zur Überraschung aller begab sich Rebecca Duffy, die PDGA-Vizepräsidenten, nach vorne, um einen wirklich gelungenen Vortrag live abzugeben. Der Applaus fiel temperamentvoll und voller Begeisterung aus. Ich war schon beeindruckt von den im Raum wahrnehmbar patriotisch berührten Gemütern.

Es folgte ein weiterer Abschnitt von Belobigungen verschiedener Redner für die vielfältig erbrachten organisatorischen, technischen und verwalterischen Leistungen aller freiwilligen Helfer, die diese WM erst möglich machten. Dieser Part konnte gar nicht umfangreich genug sein, denn die Leistungen der Freiwilligen sind das Rückgrat der gesamten Veranstaltungen (Wettbewerb, Side-Events, etc.). Der überstarke Applaus des Publikums machte das Bewußtsein darüber sehr deutlich.

Eine Ehrung von Sportlern, die ehemals zu den Besten der Besten gehörten, z.b. mehrfache Weltmeister, Rekordhalter und in den USA verdiente, anerkannten Legenden schloß sich an. Zudem konnten sich die jüngsten (Erst-)Teilnehmer als auch die ältesten (Mehrfach-)Teilnehmern an dieser WM über eine namentliche Nennung und einen Applaus freuen.

Freuen konnte sich auch ein einziger Spieler unter allen Anwesenden. Denn mit dem angesprochenen Thema „Gültigkeit/Anwendung der PDGA-Regeln“ wurde gleichzeitig eine Verlosung einer Unikat-Scheibe verbunden. Unter seinem Sitz hatte man vor Beginn der Veranstaltung das aktuelle Regelbuch geklebt. Der Glückspilz kam nach vorne gelaufen, um sich unter Applaus seinen Preis abzuholen.

Weniger Grund zur Freude hatten 7-9 namentlich genannten Spieler und Spielerinnen, die von Brian Graham (PDGA-Chief Executive) als Mitglieder der „hall of shame“ bezeichnet wurden. Der Grund ist, dass sie sich zwar einen Startplatz durch Anmeldung sicherten, jedoch nicht das Format besaßen, ihr Fernbleiben von der WM überhaupt mitzuteilen, weshalb diese Startplätze nach Abschluß des letzten Check-in am Montag leider unbesetzt bleiben sollten.

Schließlich wurde noch ein Merkblatt ausgeteilt, dass die Ausführung von Provisional Throws im Fall von Unklarheiten empfahl und letze Änderungen an einzelnen Bahnen in einem Pro-kurs bekanntmachte und somit in Kraft treten ließ.

Schließlich ließ es sich Crazy John Brooks nicht nehmen, das Publikum durch chorartiges Nachsprechen eines Motiviationsspruchs (ist mir entfallen!) auf die WM und Discgolf im allgemeinen (überflüssigerweise) einzuschwören.

Das Player Meeting schloß nur ca. 10 Minuten später als geplant. Ein gelungener Einstand, wenn auch die tiefenlastige Lautsprecherakustik manchen Beitrag und Aussprache etwas schwer verständlich machte.
Die WM konnte am folgenden Tat voller Vorfreude beginnen.

Mehr dazu in den nächsten Artikeln, wo über die Lage, Herausforderungen, das Kursdesign und die Rundenerlebnisse der durch meine Division (Am Master) zu bespielenden Kurse berichtet wird.

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