Last-Minute-Starter gewinnt die 3. Allgäu Open

31.5.2011 | Ewald Tkocz. Sie galten als verschollen. Im Bermuda-Dreieck zwischen schwäbischer Tiefebene und bayerischem Voralpenland. Dass sich beide „lost players“ bei den 3. Allgäu Open in Ofterschwang jetzt wieder trafen, war jedoch kein Zufall. Denn dies ist ein magischer Ort, ein gottgesegneter Landstrich, an dem sich Oberbayern und Unterfranken, Württemberger und Badener, Schwaben und Allgäuer, Türken und Österreicher begegnen. Nicht, um eine Stammesfehde auszutragen oder sich mit liebevoll gepflegten Vorurteilen zu necken, sondern um sich in märchenhafter Umgebung in friedlichem sportlichen Wettstreit zu messen. Und das ausgerechnet unter der Regie eines „zugereisten“ Engländers mit Hang zu schwäbischer Sparsamkeit: Paul Davies. Reichlich crazy.

Die geneigten Leser mögen mir meine Abschweifungen und mäandernde Berichterstattung verzeihen. Zurück zu unseren lange Vermissten: Sie hatten natürlich auch persönliche Gründe, ins Allgäu zu reisen. Der eine hatte auf den saftigen Almwiesen unterhalb des Allgäuer Berghofs vor sieben Monaten beim 1. Big Hill King seinen letzten, natürlich erfolgreichen, Auftritt in der GermanTour 2010.

Der andere hatte eine Bringschuld einzulösen, nämlich den von den Allgäuer Bergbahnen gestifteten Wanderpokal vorbei zu bringen, den er nach seinem Sieg bei der Turnierpremiere 2009 mehr als 1 ½ Jahre, wie einst Alberich den Nibelungenschatz, zu Hause in Tutzing gehortet hatte. Und den er, natürlich, wieder an den Starnberger See mit zurücknehmen wollte. „Immerhin habe ich den Namen von Markus Plattek auf eigene Kosten eingravieren lassen“, wehrte er in Ofterschwang Fragen ab, warum er die Trophäe seinem rechtmäßigen Nachfolger nicht schon früher hatte zukommen lassen. Kenner der Szene haben längst erkannt, dass es sich bei diesem kleinen Rätsel „Wer ist’s?“ um Michael Kobella und Günter Tanner handelt.

Der Sieger meldete sich erst „in letzter Minute“ an

Dass Tanners Plan nicht ganz aufging, lag an Murat Berker, der seinen Freund Michael Kobella überredet hatte, mit nach Ofterschwang zu fahren und sich „buchstäblich in letzter Minute“ (TD Paul Davies) anzumelden. Apropos Murat: Dieses sonnige Gemüt, fast ein Bülent Ceylan-Doppelgänger, machte sich in Ofterschwang als „Scheibenflüsterer“ einen Namen, weil er so intensiv mit seinem Spielgerät plauderte und es, zuweilen erfolgreich, „fern steuerte“. Sorry, schon wieder abgeschweift.

Doch dem EM-Vierten Michael Kobella, der erst vor wenigen Tagen aus dem Urlaub zurückgekehrt war und „schon lange keine Scheiben mehr geworfen“ hatte, reichten zwei 39er-Runden (fünf unter Par), um die Konkurrenz auf Distanz zu halten. Tanner war zwar der beste Spieler, rechnet man die zweite und dritte Runde zusammen, hatte sich auf den ersten 14 Bahnen jedoch schon einen Rückstand von sechs Würfen auf Kobella eingefangen, den er gegen den nervenstarken Augsburger nicht mehr aufholen konnte.

Dominik Stampfer: Ablenkung vom Prüfungsstress

Der Dritte im Bunde im Kampf um den Pokal und den Sieg in der Gesamtwertung, Dominik Stampfer, war einen Tag vor dem Beginn der schriftlichen Prüfungen zur Fachhochschul-Reife verständlicherweise nicht ganz bei der Sache. „Ich habe vor allem in der letzten Runde (45) schlecht gespielt und hätte den Sieg nicht verdient gehabt“, bekannte er selbstkritisch nach dem Turnier. Aber für den 17jährigen ging es an diesem traumhaft schönen Tag darum, die Nase nicht in die Bücher zu stecken und sich mit der schönsten Nebensache der Welt ein wenig vom Prüfungsstress abzulenken. Sein Sieg in der Open-Kategorie vor Andreas Kucera und Moritz Lang und die damit verbundenen 40 Punkte gehen nach seinen drei Saisonsiegen bei C-Turnieren ohnehin als Streichresultat in die GT-Gesamtwertung ein.

Andreas Kucera – oder: Präzision ist Trumpf – Moritz Lang Dritter

Noch ein Wort zu Andreas Kucera. Der Münchner spielte ein bemerkenswertes Turnier. Da Präzisionsspiel – geschult an den Waldbahnen in Weilheim und auf unzähligen Reisen zu Turnieren in ganz Deutschland mit seinem Bruder Harald – sein Ding ist, konnte er seine Stärken in Ofterschwang voll ausspielen auf einem Parcours, bei dem die Hälfte der 14 Bahnen im Wald gespielt werden und die „big arms“ keinen Vorteil genießen. Nur einen Wurf dahinter wurde Moritz Lang Dritter. Der Söhnstettener war bester Open-Spieler, zählt man die zweite und dritte Runde zusammen, vergab seine Siegchancen allerdings schon im ersten Durchgang. Konrad Haarmann (Reutlingen) wurde Vierter vor Gordian Döring (Freiburg) und Emanuel Kroll. Der Allgäuer aus Oberjoch, der erst seit letztem Sommer mit Scheiben um sich wirft, ist die hoffnungsvolle Speerspitze einer Clique Allgäuer Kerle, die in Ofterschwang die Keimzelle einer örtlichen Disc Golf-Kultur bilden könnten.

Viele Spieler sammelten erste Erfahrungen bei einem GT-Turnier

Die gibt es bereits in Bad Wörishofen um Michael Fischer und Sascha Brandner. Wie sie und der 16jährige Franz Rötzsch (Bad Wörishofen), der bei den Junioren nur knapp Maximilian Tkocz (Geislingen) unterlag, sammelten viele Spieler bei den 3. Allgäu Open erste Erfahrungen bei einem GT-Turnier. Sie waren eine erfrischende Belebung für das Turnier.

Arno Lingenhel: „Es war ein Volksfest“ – Starker Jürgen Taube

In der Masters-Kategorie bot Jürgen Taube eine erneut starke Vorstellung. Der Esslinger lag nach der zweiten Runde sogar auf Rang zwei und musste sich erst in der Schlussrunde dem immer stärker aufspielenden Günter Tanner geschlagen geben. Der Tiroler Arno Lingenhel („Es war ein Volksfest. Das Turnier war leiwand“) wurde Vierter vor Harald Kucera (München). Für die aus Innsbruck angereisten Lingenhels gab es einen weiteren Grund zu feiern. Denn Birgit Lingenhel gewann überlegen die Damen-Konkurrenz vor Sonja Scheidemantel, Julia Burkhardt und Ina Federschmid. Der erst neunjährige Felix Lingenhel gab in der letzten Runde, außer Konkurrenz, mit präzisen Vorhandwürfen eine überzeugende Talentprobe ab. Da wird sich der Papa bald anstrengen müssen, um den Junior in Schach zu halten…

Bei den Grandmastern feierte Ewald Tkocz seinen zweiten Klassensieg in dieser Saison vor seinen Vereinskollegen vom WSCA, Elmar Stampfer und Ortwin Pelger (beide Heidenheim). Rudolf Haag aus München, auch bekannt als „Roller-Rudi“, wurde Vierter.

Ofterschwang: Einer der schönsten Kurse in Deutschland

Und der Parcours? „Nur“ 1008 Meter lang. Die durchschnittliche Bahnlänge beträgt „nur“ 72 Meter. Aber. Aber! „Bergauf, bergab“, charakterisierte Michael Stelzer den auf 1 100 Metern höchstgelegenen Kurs Deutschlands. Pro Runde 86,5 Meter Höhenmeter downhill, 56,5 Meter bergauf. Erweitert seit dem Vorjahr um zwei sehr anspruchsvolle Canyon-Bahnen. Zahlreiche Mandatories sorgen am Abwurf für prickelnde Spannung. Ohne Zweifel einer der schönsten Kurs in Deutschland, nicht nur wegen des einmaligen Alpen-Panoramas, das sich am Wochenende mit saftigem Grün, schneebedeckten Gipfeln und ungetrübter Fernsicht in schönstem Feiertags-Kleid präsentierte. Und offenbar hat TD Paul Davies nun auch einen Weg gefunden, sommerliche Temperaturen und Sonnenschein pur im Universum zu bestellen. Weitere Schwärmereien kann ich mir schenken. Denn die Bilder erzählen mehr als Worte.

Noch ausreichend Startplätze für das 2. Big Hill King Ende Juni

Für Spieler, die dieses wunderbare Turnier verpasst haben, gibt es noch eine kleine Hoffnung: Für das 2. Big Hill King am 25. und 26. Juni gibt es noch genügend Startplätze. Dann wird der Parcours auf 18 Bahnen erweitert und PDGA-Mitglieder können ihr Rating aufmöbeln. Also: See you in Ofterschwang, boys and girls!

© 2010-2017 Deutscher Frisbeesport-Verband e.V. (DFV)