Dominik Stampfer: König der Ostsee-Küste

20.10.2010 | Ewald Tkocz. Bergkönig in den Allgäuer Alpen ist er nicht geworden. Und darüber war er bitter enttäuscht. Aber dafür ist er nun „King of the coast“. Manche bewahren sich das Beste eben für den Schluss auf, für den letzten Tanz sozusagen. Der an der Ostsee-Küste seine Scheiben mit dem Wind tanzen ließ, ist erst 17 und hat noch eine Menge Träume. Träume, die in Erfüllung gehen können, wie es sich für einen bodenständigen, baumlangen Kerl von der Ostalb gehört, auf dessen Spannweite, wenn er die Arme ausbreitete, ein Albatros neidisch wäre.

Auf seinem Heimkurs, der rauen Alb in Söhnstetten …

… hat Dominik Stampfer gelernt, die Scheiben auf und mit dem Wind tanzen zu lassen. Dieses Können kam ihm beim letzten, vom Winde verwehten, Saisonfinale in Kellenhusen zugute, trug ihn ausgerechnet im holsteinischen Flachland, 769 Kilometer weg von zu Hause, zum bislang größten Erfolg seiner noch jungen Karriere.

An der ist sein großer Bruder Schuld, der längst zu ihm aufsehen muss. „Dennis hat mich vor sechs Jahren auf den Kurs in Söhnstetten geschleift“, erinnert sich Dominik. Der Ausdruck „geschleift“ lässt darauf schließen, dass dieses Initiations-Ritual bei dem damals Elfjährigen möglicherweise nicht ganz freiwillig vonstatten ging. Aber schließlich sind große Brüder dazu da, dass die kleinen zu ihrem Glück gezwungen werden.

Von Dennis hat er …

… auch eines der Grundprinzipien seiner Spielstrategie gelernt: „Spiel das sichere Par, die Birdies kommen von ganz alleine.“ Ein Rezept, das in Kellenhusen wieder einmal voll aufging: kein Bogey auf den 30 Bahnen des zweiten Tages. Von small talk während einer Turnierrunde hält Dominik nicht viel. Konversation pflegt er erst beim Après-Golf. Doch auch dies ist für ihn nur Ausdruck dafür, wie sehr er sich während eines Turniers auf die Würfe konzentriert und fokussiert, es schafft, störende Einflüsse auszublenden, die ihn nur ablenken könnten.

Das, was Außenstehenden mitunter als Phlegma erscheint, ist sein Bemühen, sich auch emotional nicht zu sehr aus der Balance bringen zu lassen. Eine weitere Qualität, die ihn auszeichnet, ist das, was er als den „nötigen Biss“ bezeichnet, den Willen zu gewinnen.

Bis vor gut zwei Jahren …

… sah es gar nicht danach aus, als könne Dominik in die Fußstapfen von Dennis treten, der bei den Turnieren auf dem WSCA-Parcours auch ohne Training immer wieder zeigt, was für ein Klassespieler er ist. Als 2007 die neunmonatige Vorbereitungsphase auf die Europameisterschaft 2008 in Söhnstetten startete, stand der Heidenheimer im Schatten anderer WSCA-Junioren: Christian Schmidt etwa, dem Deutschen Junioren-Meister von 2008, oder Moritz Lang, der die GermanTour bei den Junioren in diesem Jahr gewann. Oder Thomas Pfeifer. (Längst treten Schmidt und Pfeifer lieber im Dorfverein gegen den Ball als auf nationalem und internationalem Niveau Scheiben zu werfen).

Doch als sich Vater Elmar nach einigen Monaten über den Leistungsstand seines Zöglings bei den Trainern Jürgen Taube und Markus Held erkundigte, erfuhr er Überraschendes. Dominik und Marc Mäding hätten sich im Training hervorragend entwickelt, großes Potential erkennen lassen und ihnen traue man am ehesten zu, bei der EM am besten abzuschneiden. Und so kam es auch. Marc Mäding verpasste das Junioren-Finale nur ganz knapp, Dominik wurde Siebter. „Das war eine ganz wichtige Zeit für mich und ich bin Jürgen und Markus auch sehr dankbar“, sagt Dominik rückblickend, „bei der intensiven Trainingsarbeit wurden die Grundlagen für meine Erfolge in den beiden folgenden Jahren gelegt.“

Bereits 2009 …

… war der Schüler der Kaufmännischen Schule in Aalen bester Junior in Deutschland, schaffte das Double aus Meisterschaft und GermanTour-Sieg. Schon bei der Deutschen Meisterschaft im September 2009 in Weilheim hätte „Domi“ das Finale der fünf besten Open-Spieler erreicht. Und der Autor erinnert sich gut an Diskussionen beim „Griechen“ in Weilheim, ob es nicht sinnvoll sei, 2010 in der Open-Kategorie anzutreten. Dominik entschied sich anders: „Ich wusste nicht, ob der Erfolg in Weilheim nicht eine Eintagesfliege sein könnte.“

Die Befürchtung stellte sich als unbegründet heraus. Bereits beim ersten großen Saisonturnier 2010 in Hesselbach hätte der Schwabe das Open-Finale mit Simon Lizotte, Klaus Kattwinkel und Robert Chris Delisle spielen können. Zwei Wochen später verpasste er den Sieg bei der 2. Waldschwimmbad Open in Rüsselsheim nur um einen Wurf. Doch nur 24 Stunden später war der erste Gesamtsieg bei einem GT-Turnier fällig: beim 6. Advanced Approach & Putt Turnier in Söhnstetten.

Von Rückschlägen und Enttäuschungen blieb er in dieser Saison allerdings nicht verschont. Bei den 5. Ostpark Open in Rüsselsheim unterlag er Sven Rippel und wirkte erschöpft, legte danach eine mehrwöchige Regenerationspause ein. Auch bei der EM in Pas-de-Calais hatte sich Dominik mehr ausgerechnet als Platz sieben.

Doch auf nationaler Ebene glänzt sein Stern …

… nach Kellenhusen heller denn je zuvor. 2011 wird er, wie auch Marc Mäding, mit dem er kürzlich beim Weißwurst-Doubles in Söhnstetten 14 Birdies auf 15 Bahnen spielte, in die Open-Kategorie wechseln. Und das wird sich – dazu braucht man kein großer Prophet sein – gravierend darauf auswirken, wie sich die Finals bei den Turnieren der GermanTour im nächsten Jahr zusammensetzen.

Die Deutsche Disc Golf Rangliste (DDGR), sozusagen das Statistische Bundesamt der Deutschen Disc Golf-Szene, dokumentiert akribisch den Aufstieg des jungen Champion: 2008 noch 28. mit einem Handicap von 4,69, rückte Dominik Ende 2009 bereits auf Platz zwölf vor (2,39). Die DDGR vom 17. Oktober dieses Jahres führt ihn nun schon auf Platz vier mit einem Handicap von 0,69. Tendenz weiter steigend in Richtung „Kronprinzenrolle“ hinter dem überragenden Simon Lizotte (-2,75).

An die neue Saison …

… verschwendet Dominik noch kaum einen Gedanken: „Jetzt steht erst einmal der Führerschein an. Und im Winter und Frühjahr werde ich mich auf meinen Fachhochschul-Abschluss konzentrieren.“ Das Fach Betriebswirtschaft begeistert ihn. Und eine Tätigkeit im Bereich Sport-Marketing kann sich der 17jährige gut vorstellen. Träume, die sich erfüllen können, wenn er sie mit ähnlicher Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit verfolgt wie seine sportliche Karriere.

Foto: Elmar Stampfer
Redaktion: Matthias Masel

© 2010-2017 Deutscher Frisbeesport-Verband e.V. (DFV)